Anmerkungen zum Leben und Wirtschaften
--- Blog ---
ethikrat.de
--- Konstruktivismus ---
(1) Wir machen uns ein Bild von der Welt.
(2) Diese Abbildung der Welt in ein Weltmodell wird zum Teil der Welt.
(3) Darum existierte vor der Abbildung eine andere Welt als nach der Abbildung.
(4) Du bist also ein Gott. Dummerweise sind das alle Anderen auch.
--- Für Grácians Daumenschrauben ---
Verteidige meinen freien Willen nicht. Ich brauche ihn selbst.
(2004-11-22)
--- Freiheitswirtschaft ---
Einen "Freiheitswirtschaftsraum" forderte heute der Landesvater für seine Bürger.
Auch hat er Europa verstanden:
"Wir brauchen Standardabbau im Umwelt- und Planungsrecht."
Er möchte den Menschen mehr Freiheit einräumen, sich beugen zu können.
(2005-06-03)
--- Wirtschaft ---
[Definition von Wirtschaft]: Die Wirtschaft der Menschen ist der Prozess der Verteilung durch Menschen an Menschen dessen, was Menschen zur Minderung von Leid benötigen.
[Grundbedürfnisse]: Lebewesen empfinden Leid beim Fehlen von Zweierlei, das auch Menschen als Lebewesen benötigen:
(1) Quellen, aus den sie nutzbare Energie (Energie mit niedriger Entropie) beziehen.
(2) Senken, in die sie nicht mehr nutzbare Energie (Energie mit hoher Entropie) abgeben.
Letztere Bedürfnisse sind exakt so wichtig wie erstere.
[Folgebedürfnisse]: Aus diesen beiden Grundbedürfnissen ergeben sich in Abhängigkeit von den Möglichkeiten zu ihrer Befriedigung eine Vielzahl weiterer Bedürfnisse.
[Nachfrageverteilung]: Der Bedarf an Energieumsatz und Entropieabgabemöglichkeit ist über den Lebenszeitraum eines Menschen ungleichmäßig und zum Teil unvorhersagbar und von ihm unbeeinflussbar verteilt.
[Angebotsverteilung]: Wie die Nachfrage, so ist auch das Angebot in Raum und Zeit ungleichmäßig verteilt.
[Grund für das Wirtschaften]: Wegen der Ungleichverteilung von Angebot und Nachfrage in Zeit und Raum stellt sich überhaupt die Aufgabe der Verteilung.
[Bedingungen für das Wirtschaften]: Diese Verteilung findet nun in den Grenzen statt, die das ganze System hat, in dem diese Verteilung erfolgt. Dieses System ist unsere Biosphäre. Die Verteilungsmöglichkeiten darin sind wiederum von dem Energiedurchsatz und der Entropiebilanz zwischen diesem teilweise offenen System und seiner Umwelt bestimmt.
[Wachstum]: Energiedurchsatz und Entropiebilanz bestimmen, in welchen Systembereichen, zu welcher Zeit und in welcher Weise Wachstum möglich ist oder unmöglich ist.
Ist in einem gegebenen Wirtschaftssystem Wachstum erforderlich, reicht das nicht aus zur Begründung seiner Möglichkeit. (Kurz: Brauchst Du was, bedeutet das noch lange nicht, dass Du es bekommen wirst.)
(2005-01-15)
--- Rahmenbedingungen für menschliches Zusammenleben und dessen Gestaltung ---
(1) Bis etwa Ende 1850: Schwaches Wachstum auf niedrigem Niveau in der Vergangenheit, methodenbedingte Knappheit.
(2) Vob 1850 bis 2100: Hohes Wachstum in der Gegenwart, methoden- und resourcenbedingter Überfluss.
(3) Ab etwa 2100: Schwaches Wachstum auf hohem Niveau in der Zukunft, resourcenbedingte (besonders hinsichtlich der Resource "Entropiesenke") Knappheit.
In diesen Perioden gibt es unterschiedliche Verhältnisse zwischen Menschen und Resourcen - und damit entsprechend angepasste unterschiedliche Systeme des Wirtschaftens.
--- Entropie ---
[Entropie, normalisierte]:
(1) Stellen wir uns ein System vor, das aus vielen verschiedenen Elementen (real und/oder imaginär) besteht, deren Verhalten wegen ihrer Vielzahl statistisch beschrieben werden kann und muß.
(2) Diese Elemente können jedes für sich verschiedene Zustände einnehmen.
(3) Es sind daher im System verschiedene Kombinationen von Zuständen möglich.
(4) Ist von diesen möglichen Kombinationen keine realisiert, dann kennzeichnen wir das mit einem Maß, das den Wert "Null" annimmt.
(5) Sind von diesen möglichen Kombinationen alle realisiert, dann kennzeichnen wir das mit einem Maß, das den Wert "Eins" annimmt.
(6) Sind von allen möglichen Kombinationen nur ein Teil realisiert, dann nimmt das Maß einen Wert zwischen Null und Eins an. Je mehr der möglichen Kombinationen realisiert sind ("besetzt" sind), desto höher wird der Wert dieses Maßes.
(7) Dieses Maß nennen wir "Entropie".
(8) Weil wir dieses Maß in einem Bereich zwischen Null und Eins normalisiert haben, haben wir hier eine "normalisierte Entropie". Dieses Maß hat keine Einheit.
(2004-06-07)
--- Tee und Milch ---
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die physikalische Größe "Entropie" zu erklären. Seinem Naturell entsprechend wählt ein mir gut bekannter Entropieerklärungensammler die folgende: Entropie bedeutet Grad der Unordnung nur insofern, als dass je gleichverteilter das Gerümpel herumliegt, desto weniger Freiheit man hat, den verbleibenden Schrott noch über den Raum zu verteilen.
Als Halbostfriese berichtet er dann (inzwischen auch schon kopiert und zitiert) zur Verdeutlichung der Entropie über einen entropischen Kult in den nordwestlichen Regionen Deutschlands (d.h. nur über einen Teil der Zeremonie, weil es sonst viel zu lange dauert). Es handelt sich hierbei um die Mutter aller Teezeremonien: also die ostfriesische Teezeremonie.
Eine diese Zeremonie kennzeichnende rituelle Handlungen besteht darin, die Milch gaaaanz vorsichtig in den Tee zu geben und ohne weitere menschliche Einmischung ihre allmähliche Ausbreitung im Universum - hier dargestellt durch den Tee - wahrzunehmen. Anfangs haben wir Ordnung, d.h. die Milch hat ihren Bereich und der Tee hat seinen Bereich. Die Milch ist im Tee-Universum ungleichverteilt. Gegen Ende der Zeremonie aber ist die Milch dank verschiedener physikalischer Wirkungen fast gleichmäß im Tee-Universum verteilt und damit im Universum aufgegangen. Die Trennung - und damit die Ordnung - ist verschwunden.
In der Sprache der Physiker: Die Entropie - und damit die Unordnung - hat ihr Maximum erreicht.
Wenn die Entropie das in einem System mögliche Maximum erreicht hat, gibt es darin keine einzige Freiheit mehr.
Merkhilfe: Je gleichverteilter die Milch ist, desto höher ist die Entropie und desto weniger Freiheit hat sie, sich noch gleichmäßiger im Tee zu verteilen.
(20. Jh.)
--- Entropie als Unterscheidungs- und Umwandlungsaufwand ---
Unterscheidung ist Voraussetzung von Ordnung. Unterscheidung ist ein Aufwand. Der Aufwand für die Ordungserzeugung ist mindestens proportional zur dadurch gewonnenen Entropieminderung. Nehmen wir zum Beispiel eine Tabelle mit 8192 Zeilen. Uns interessiert zunächst nicht, was wir in die Zeilen hineinschreiben. Damit wir die Zeilen adressieren können, müssen wir sie die nur voneinander unterscheiden können. Zur Unterscheidung der Spalten verwenden wir die Nummern 0 bis 8191. Dafür braucht man 13 Bits. Um jede Zeile zu numerieren bzw. adressieren zu können, brauchen wir 8192×13 Bits. Der Unterscheidungsaufwand beträgt 106496 Bits. Die Entropie als Unterscheidungsaufwand ist hier das Produkt aus der Anzahl der Adressen und der Länge einer Adresse:
8192 Adressen × log2(8192) Bits = 106496 Adressbits.
In Empfängern für Digitales Fernsehen (DVB-T) gibt es zwei solche Tabellen. Die erste dieser beide Tabellen ist eine Zeitdaten-Tabelle. In sie wird viele Male pro Sekunde ein Empfangssignal als eine zeitliche Folge von Abtastdaten hineingeschrieben. Dazu wird in jedem Abtastzyklus ein größerer Abschnitt des Empfangssignals mit einem sogenannten "analytischen Signal" in 8192 kleinere Abschnitte (Abtastdaten) zerlegt. Die Information, die unser Empfänger zum Erzeugen von Bild und Ton braucht, ist aber in den 8192 Frequenzen versteckt, mit denen das Signal im DVB-T-Sender erzeugt wurde. Darum nützen uns die 8192Abtastdaten ersteinmal nichts.
Wir müssen diese Daten deswegen in 8192 Frequenzdaten umrechnen, denn nur die Frequenzdaten (Amplitude und Phase) beschreiben, wie stark jede einzelne der 8192 Frequenzen ist (welche Amplitude sie hat) und mit welcher zeitlichen Verschiebung (mit welcher Phasenlage) sie erzeugt wurde. Die Daten wurden nämlich vom Sender in 8192 Sinussignale auf 8192 dicht nebeneinanderstehende Frequenzen verteilt. In (fast) jede dieser Sinusschwingungen wurden die Datenanteile mit Hilfe einer Kombination von Amplituden- und Phasenmodulation hineinkodiert. (Auf einigen Frequenzen geht das nicht, z.B. weil sie von soetwas wie Navigationssignalen besetzt sind, an denen sich der Empfänger orientieren kann.) Für jede Frequenz müssen entsprechend im Empfänger Amplitude und Phase ermittelt und in der zweiten Tabelle eintragen werden. Das ist die Frequenzdaten-Tabelle.
Die Umwandlung erfolgt mit einem "diskreten Fourier-Transformator" (DFT). Wie Sie fast schon geahnt haben, stellt das Bild einen solchen Transformator dar, aus Gründen der Einfachkeit, des Platzes und Ihrer möglichen Ungeduld allerdings nur für die Umwandlung einer 16zeiligen Zeitdaten-Tabelle (an der linken seite des DFT) in eine 16zeilige Frequenzdaten-Tabelle (an der rechten seite des DFT). Der DFT ist - im Unterschied zu den üblichen Lehrbuchdarstellungen - so dargestellt, das man gut sieht, wie er sich fraktal aus "Elementar-DFTs" entwickelt. Das sind die gelben Kästchen in der Zeichnung. Ein Elementar-DFT kann 2 Zeitdaten in 2 Frequenzdaten umwandeln. Vier Elementar-DFTs können 4 Zeitdaten in 4 Frequenzdaten umwandeln. 12 Elementar-DFTs können 8 Zeitdaten in 8 Frequenzdaten umwandeln. 32 Elementar-DFTs können 16 Zeitdaten in 16 Frequenzdaten umwandeln. Und 53248 Elementar-DFTs können 8196 Zeitdaten in 8196 Frequenzdaten umwandeln. Das ist die Hälfte der Tabellenentropie. Warum? Weil ja ein Elementar-DFT schon zwei Zeitdaten in zwei Frequenzdaten umwandeln kann.
Der Umwandlungsaufwand ist also proportional zu dem Unterscheidungsaufwand für jede Tabelle. Da jeder Elementar-DFT Energie verbraucht, also Verlustwärme abgibt, ist die thermodynamische Entropieerzeugung ebenfalls proportional zum Umwandlungsaufwand. Das ist eine recht anschauliche Verbindung vom thermodynamischen Entropiebegriff zum in der Informatik verwendeten Entropiebegriff.
Anmerkungen:
(1) Ein Elementar-DFT bewerkstelligt eine komplexe Multiplikation, eine Vorzeichenumkehr und zwei komplexe Additionen.
(2) Bei ADSL und bei VDSL wird ein ähnliches Verfahren verwendet, wie bei DVB-T. Der DFT arbeitet dabei im Empfänger, ein inverser DFT (IDFT) mit gleicher Architektur wie der DFT arbeitet im Sender.
(3) Im Bild haben wir 16 Eingänge und (0 bis 15) und 16 Ausgänge (auch 0 bis 15). Wenn man die Nummern binär schreibt, dann kann man leichter verstehen, wie die Numerierung zustande kommt: 0000, 0001, 0010, 0011, ..., 1110, 1111 für den (linken) Eingang des DFT und 0000, 1000, 0100, 1100, ..., 0111, 1111 für den (rechten) Ausgang.
(4) Wegen seiner Funktionsweise und der daraus resultierenden Darstellung des Elementar-DFTs wird er ganz poetisch "Time Decimation Butterfly" genannt.
(5) Im Bild dargestellt ist eine Sonderform des DFT, der "schnelle Fourier-Transformator" oder FFT. Die Anzahl der Ein- bzw. Ausgänge ist hier immer 2N, mit N=1, 2, 3, 4, ...
(6) Der FFT wird heute als ein Programm in speziellen Mikroprozessoren (DSP, Digital Signal Processor) realisiert. Wenn der FFT sehr schnell sein muss, kann er auch als spezielle Baugruppe in einem Chip implementiert werden. Des geht heute alles für wenige Euro pro FFT. Auch hier bestimmt die Entropiebilanz der Datenverarbeitung die thermodynamisch erzeugte Entropie und die Implementierungkosten des FFT.
(2005-02-07)
--- abgeschlossene und offen Systeme ---
Ein offenes System lässt sich betrachten als ein abgegrenztes System mit Schnittstellen zu einer Umgebung. Wenn wir uns auf die Offenheit eines Sytems berufen, dann müssen wir die Entropiebilanz an den Schnittstellen kennen.
Wer ein System als gleichzeitig offen und geschlossen beschreibt (Wirtschaft aus der Sicht von Niklas Luhmann), meint damit ein System, das selektiv offen ist. Die Schnittstellen des Systems zur Umwelt funktionieren dann als Filter, gegebenenfalls mit von der Zeit und/oder von anderen Parametern abhängiger Selektivität. Prinzipiell hat, was durch die Schnittstellen gelangt, eine energetische Komponente und eine entropische Komponente. Die energetische Komponente kann zum Beispiel Materie, Strahlung usw. sein, die entropische Komponente ist die Struktur der energetischen Komponente in Raum und Zeit, z.B. Kommunikation, Anordnung von Molekülen, Modulation elektromagnetischer und akustischer Wellen, Aufbau von Nahrung und Ausscheidungen usw.
(2005-02-05)
--- Veränderung, Entropie, Unordnung, Temperatur, Redundanz ---
[entrepein]: Energieumsatz in einem abgeschlossenen System bedeutet "Veränderung von Energiezuständen" im System (nicht jedoch Veränderung der Summe der Energien im System). Den Namen "Entropie" leitete Rudolf Clausius aus dem griechischen "Verändern" ab. Je höher die Entropie, desto mehr Veränderung von möglichen Zustandskombinationen in realisierte Zustandskombinationen hat bereits stattgefunden. Entropie ist ein Maß für bereits stattgefundene Veränderung.
[Entropie, abschreckende Erklärungen?]: "Dieser Begriff erfreut sich allgemeiner Unbeliebtheit und gilt als schwierig, vielleicht weil er zwar eine Bilanz- aber keine Erhaltungsgröße ist und sogar die ungewöhnliche Eigenschaft hat, zuzunehmen, und zwar um so mehr, je weniger man aufpasst," meint dazu Norbert Treiz in seiner "Brücke zur Physik" (1997, Kapitel 6.3). Oder wir lernen im Physikunterricht, Entropie sei ein Maß für Unordnung.
[Unordnung]: Wir brauchen nun keine Unordnung, um Entropie zu definieren. Sondern umgekehrt können wir mit Entropie die Unordnung erklären.
(1) Je "unordentlicher" ein System ist, desto mehr Aufwand muss getrieben werden, alle möglichen Kombinationen von Zuständen in dem System zu adressieren.
(2) Sind von diesen möglichen Kombinationen alle realisiert, dann erreicht die Entropie ihr Maximum.
(3) Bei maximaler Entropie ist der Aufwand zur Adressierung aller Zustände im System am höchsten. Kurz: Das Aufräumen wird anstrengender.
(4) Demzufolge ist bei maximaler Entropie des Systems die Unordung im System am größten.
[Temperatur]: Wir brauchen auch keine Temperatur, um thermodynamische Entropie zu definieren. Sondern umgekehrt können wir mit Entropie und Energie die Temperatur erklären.
(1) Die konkreten Elemente (z.B. Moleküle) des Systems können verschiedene Energiezustände annehmen. Wenn sie das im System auch tun, dann ist die Entropie im System schon nicht mehr Null.
(2) Das Produkt aus Temperatur eines abgeschlossenen Systems mit der Entropie dieses Systems ist die Energie, die im System nicht für Energieumsatz verwendet werden kann. Je heißer das System und je höher die Entropie darin, desto weniger Energieumsatz ist im System möglich.
(3) In einem Maßsystem, in dem anstelle der Temperatur des betrachteten Systems die Wärme des Systems als Energie angegeben wird, kann Entropie als ein dimensionsloses Maß verwendet werden. Wird jedoch die Temperatur angegeben, dann kann die thermodynamische Entropie mit der Einheit Joule/Kelvin verwendet werden.
(4) Don't stay in the kitchen if you can't stand the heat.
[Redundanz]: Redundanz ist dagegen ein Maß für Veränderbarkeit.
(1) Entropie und Redundanz haben die gleiche Dimension. Die aktuelle Redundanz eines Systems ist die maximale Entropie des Systems abzüglich der aktuellen Entropie des Systems (Für die Informationstheorie ist der Zusammenhang von Entropie und Redundanz in ISO/IEC DIS 2382-16 definiert.)
(2) Redundanz ist Spielraum.
--- Leben ---
(1) Die aktuelle Redundanz eines Systems ist seine maximale Entropie abzüglich seiner aktuellen Entropie. Redundanz ist der Abstand zum Tod.
(2) Lebewesen sind Systeme, die ihre Redundanz aktiv steigern oder zumindestens erhalten. Tun sie das nicht, dann sterben sie.
(3) Die Steuergröße für die Redundanzpflege ist Leid. Wegen der Richtung der Entropiesteigerung ist die Beziehung von Leid und Zufriedenheit asymmetrisch.
(4) Solcherart definierte Lebewesen können nur in einer Umgebung entstehen, in die sie Entropie exportieren können und die umgekehrt keine zerstörende Entropie in sie einbringt.
(5) Das Vorhandensein einer entsprechenden Umgebung macht die Entstehung solcher Lebewesen wahrscheinlich.
(6) Vermehrung ist nicht ein Sinn des Lebens, sondern Folge von Umweltbedingungen, die den Prozess der Vermehrung begünstigen.
(7) Die Erzeugung von Lebewesen durch Lebewesen ist eine Form der Redundanzsteigerung einer Spezies. Diese Vermehrung erhöht die Fähigkeit einer Spezies, Entropie zu exportieren. (Es entsteht mehr zum Export notwendige Speziesoberfläche pro Speziesmasse). In Umwelten, in denen evolutionäre Entwicklung entropieexportierender Systeme möglich ist, entwickeln sich eben auch die notwendigen Mechanismen zum Entropieexport. Einer dieser Mechanismen ist die Vermehrung.
(8) Das Leben hat keinen Sinn, aber Ursachen.
(9) In der Sinnlosigkeit machen wir Sinn.
(10) Wir kämpfen zwanghaft um die Freiheit, unseren Zwängen folgen zu dürfen. Diese sind, was uns treibt. Darum gibt es uns.
(2004-07-04)
--- Sinngebung ---
Den Regen gibt es, damit wir den Regenschirm nicht vergessen.
(2004-06-18)
--- Fremdbestimmung und Selbstbestimmung ---
"Das Ineinander zweier heterogener Ursprünge [Notwendigkeit der Gemeinschaftsarbeit, der Kampf zwischen Mensch und Mensch] bleibt der Grundcharakter des Herrschens. Daher wird auch alle irgendwo in Grenzen gelingende wahre Gemeinschaft aus gemeinsamem Zweck doch anderswo als Theorie ein Täuschungsmittel zur Interpretation und Verschleierung der tatsächlichen Gewalt. Immer wieder werden die Dinge durch ihr Gegenteil benannt und verborgen. So wird in dem Schein der Kommunikation - der offenen Aussprache - ausgehorcht und befohlen, im Schein der Freiheit und Freiwilligkeit erzwungen, im Mantel des reinsten Ethos das Böse vollzogen, im Schein der Wahrheit gelogen und betrogen, und alle jeweils gültigen Werte werden je nach Situation in Anspruch genommen oder ignoriert." Karl Jaspers, Von der Wahrheit, 1948 (2.Teil, 3.Kap., II, B, 3, b)
Die Möglichkeit zu selbstbestimmtem Handeln der Menschen einerseits und die Existenz fremdbestimmter Ungleichverteilung der Herrschaft über Resourcen andererseits sind Tatsachen, die die Grenzen von "Freiheit und Freiwilligkeit" bestimmen. Der Mensch kann seinen Geburtsort, sein Elternhaus, sein Geschlecht, sein Startkapital, seine Kaste usw. nicht selbst bestimmen. (Dem entgegenstehende religiöse Dogmen dikutiere ich hier nicht. Sie schaffen keine Begründungen, sondern sie werden für Begründungen geschaffen.) Das Leben beginnt also schon mit Ungleichheit. Schon bei der "Wahl" des Zeitpunktes und der Ortes der Geburt gibt es Gewinner und Verlierer. Daraus resultiert sowohl der Kampf selbst wie auch seine Legitimation. Je ungleicher die Startchancen, desto berechtigter fühlen sich die Beteiligten, ihn mit tödlichen Waffen zu führen. Diesen Kampf in Grenzen zu halten ist eine Zivilisationsleistung. Aber "die gegenwärtigen und künftigen Leistungen des kapitalistischen Systems [sind dergestalt], daß ... gerade sein Erfolg die sozialen Einrichtungen, die es schützt, untergräbt." (J.A.Schumpeter, 1942).
Krasse Fremdbestimmtheit (durch natürlichen Zufall und menschliche Willkür) einzelner Benachteiligter mit den Mitteln sozialen Einrichtungen zu dämpfen, ist eine Gemeinschaftsleistung, die allerdings auf alle weniger Benachteiligten wiederum fremdbestimmend wirkt. Sie müssen Kosten tragen, z.B. sogenannte "Lohnnebenkosten". Die Menschen können aber durch die Wahl eines geeigneten Arbeitspunktes zwischen rein zufälliger und streng geplanter Fremdbestimmung den Raum für individuelle Selbstbestimmung optimieren. Demokratien sind hier nachweislich am erfolgreichsten. Sie schützen sowohl vor dem Verlust des eigenen Besitzes wie auch vor der übermäßigen Beeinträchtigung des eigenen Lebens durch den Besitz Anderer.
--- Ungleichverteilung ---
"Es ist die allerelementarste ökonomische Tatsache, dass die Art wie die Verfügung über sachlichen Besitz innerhalb einer sich auf dem Markt zum Zweck des Tauschs begegnenden und konkurrierenden Menschenvielheit verteilt ist, schon für sich allein spezifische Lebenschancen schafft." (Max Weber, "Wirtschaft und Gesellschaft", 1913).
Der Streit, ob wir selbstbestimmt oder fremdbestimmt seien und ob wir eher angebotsorientiert statt nachfrageorientiert sein müssten ist Zeitverschwendung, wenn Extrempositionen eingenommen werden: Wir bewegen uns zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten immer zwischen beiden Grenzfällen. Oft erleben wir Selbstbestimmung und Fremdbestimmung gleichzeitig.
Die Ungleichverteilung von Resourcen zu Menschen scheint schwer messbar. Aber sie ist messbar und dann darstellbar mit die normalisierten Ungleichheitskoeffizienten, die - in normalisierter Form - bei totaler Gleichverteilung den Wert 0 annehmen und bei totaler Ungleichverteilung den Wert 1. Für die Entropiemaße unter diesen Ungleichverteilungsmaßen gilt: Als Referenzsystem dient die statistische Physik bzw. die Thermodynamik. Hier bewegen und verteilen sich Partikel willenlos, passiv und "dumm". Bei totaler Gleichverteilung haben wir maximale Entropie. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Mit der Anwendung von Entropiemaßen setzen wir nicht Partikel und Menschen gleich, sondern wir vergleichen sie.
Die Partikel sind willenlos. Sowohl Glück (statistisch zufällig, also fremdbestimmt) wie auch menschliches Handeln (selbstbestimmt determiniert) bestimmen dagegen die Verteilung zwischen Menschen und Resourcen. Es gibt hier zwei Grenzfälle und die Wirklichkeit dazwischen:
- "Rechter" Grenzfall: Selbstbestimmter Mensch nutzt Angebot. Das Angebot erfährt Fremdbestimmung. Handeln (z.B. Arbeit, Leistung) bestimmt das Verteilen von Resourcen zu Menschen. (Das ist z.B. darstellbar mit der Theil-Redundanz ableitet, in der die Resourcensumme in den Teilern steht und somit normierend wirkt.)
- "Linker" Grenzfall: Fremdbestimmter Mensch hat Nachfrage. Das Angebot wirkt bestimmend. Glück (z.B. Geburtsort, Umwelteinflüsse, Klasse, Kaste, Politik) bestimmt die vor dem Handeln gegebene Verteilung von Resourcen an Menschen. (Das ist z.B. darstellbar mit einer Theil-Redundanz, in der die Eingangsdaten gegenüber der zur genannten Berechnung vertauscht wurden - womit die Summe der Menschen in den Teilern steht und somit normierend wirkt.)
- Wirklichkeit: Teilweise selbstbestimmter Mensch in einer ihn einer teilweise fremdbestimmenden Umwelt. Wechselwirkung zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Mensch und Umwelt. Handeln und Glück bestimmen die gegenseitige Verteilung zwischen Resourcen und Menschen (darstellbar z.B. mit der symmetrisierten Theil-Redundanz.)
Im ersten Fall wirkt das Angebot normierend, im zweiten Fall die Nachfrage. Klar ist, dass die ersten beiden Fälle die unwahrscheinlichen Grenzfälle sind, zwischen denen die Wirklichkeit liegt.
Die in den Sozialwissenschaften verwendeten Entropie-Ungleichverteilungsmaße (z.B. von Theil und Atkinson) beziehen sich auf Grenzfälle. Eine realistischere Annäherung an die zwischen reiner Fremdbestimmung und reiner Selbstbestimmung liegende Wirklichkeit wäre dagegen die symmetrisierte Theil-Redundanz. [Die im ursprünglichen Beitrag folgenden Rechnereien habe ich gestrichen. Sie sind in www.umverteilung.de zu finden. 2007-09-22]
Diesen Absatz schrieb ich vor dem Hintergrund des immer wieder zu hörenden dummen Geredes von einer "Neidgesellschaft" in Deutschland. Ich kenne viele Länder, in denen Umverteilung wesentlich neidvoller gefordert oder sogar sehr gewaltsam betrieben wird. In manchen Ländern "des Lächelns" existieren dem Neid deutlicher entgegenwirkende Verhaltensnormen und Religionen gerade, weil mehr Neid in Schach gehalten werden muß. Neid erscheint mir als eines der in uns Menschen eingebauten Reaktionsmuster, und zwar als Reaktion eines Menschen auf Redundanz (z.B. "zu viel" Reichtum oder "zu viel" Muße) bei anderen Menschen. Das geschieht, wenn ich Redundanz "gut" oder "schlecht" finde abhängig davon, ob ich über diese Redundanz verfüge, oder Du sie genießt.
Anstelle die nüchterne Beobachtung von Ungleichverteilung von vorneherein zu verteufeln, brauchen wir den klassischen Ansatz: Sehen, Beurteilen und (angemessen) Handeln. Dabei können wir die Ungleichverteilung und die Intensität der Verteilungskonflikte in verschiedenen Regionen miteinander in Beziehung setzen und empirisch lernen, wo zu niedrige Ungleichverteilung lähmt und zu hohe Ungleichverteilung zu Blutvergießen führt.
(2004-07-01)
--- Besitz und Wachstum ---
Leben und Wachstum von Organismen (Menschen, Gesellschaften, Unternehmen usw.) ist prinzipiell nicht ohne Entropieexport (also ohne Belastung der Umgebung des lebenden und wachsenden Organismus) möglich. Entsprechend kann auch Kapital nur unter Entropieabgabe wachsen. Das wirkt fremdbestimmend auf die Umwelt, in der es wächst. Darum steht wachsender Besitz nicht nur in Beziehung mit dem Besitzer, sondern auch in Beziehung mit der Umgebung des Besitzes, die dann als Entropiesenke genutzt wird. Die Notwendigkeit einer Entropiesenke außerhalb des Organismus (z.B. des eigenen Unternehmens) begründet den Grundkonflikt zwischen lebendem Individuum und Umwelt. Auch diese Art der Fremdbestimmung zu verschleiern ist ein Mittel zur Erhaltung und zum Ausbau von Macht, von Fremdbestimmung, von tatsächlicher Gewalt über die Umwelt.
Ausschließliche Sache des Besitzers ist nur jener Besitz, der in keinerlei Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht. Daß Wachstum und Entropieexport (Negentropieimport) untrennbar miteinander verbunden sind (Schrödinger, Wolkenstein), liefert gewissermaßen die thermodynamische Grundlage der Artikel 14 und 20a unseres Grundgesetzes. Eigentum ist sowohl mit Rechten wie auch mit Pflichten verknüpft. Wer für sein Eigentum und sein Kapital (welcher Art auch immer) Wachstum erzielt, bedient sich dafür immer seiner Umwelt. Des Einen Selbstbestimmung ist der Anderen Fremdbestimmung. Wer sich auf die Negentropienachfuhr in das offene System Erde beruft, muß sie kennen. Aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ergibt sich, daß es Win-Win nicht gibt, sondern bestenfalls Win-Win-Lose: Wenn zwei Seiten gewinnen, dann verliert eben die dritte Seite. Diese dritte Seite und ihre Möglichkeiten zur Negentropienachfuhr nicht kennen zu wollen, mag das Geheimnis manches mit dem Negentropieverlust Dritter ereichten Geschäftserfolges sein. Jedes Geschäft, daß wirklich der einen Seite Gewinn und der anderen Seite einen Mehrwehrt bringt, ist mit Entropieexport an Dritte verbunden. Geschäfte ohne Entropieexport sind eine Dummheit. Sich den damit verbundenen Entropieimport nicht bezahlen zu lassen (z.B. mit Mehrwertsteuern, "Öko"-Steuern usw.) wäre jedoch eine Dummheit der dritten Seite.
--- Gewinner ohne Verlierer? ---
Es geht nicht darum, eine heile Welt ohne Gewinner und Verlierer zu schaffen, sondern darum, daß Ausmaß des Gewinnens und Verlierens besser beobachten zu können. In Verleugnung des Kampfes wird argumentiert, daß (1) eine steigende Ungleichverteilung niemandem schade, wenn mit ihr ein allgemein steigender Wohlstand einherginge (Gewinn für alle). Oder: (2) Die wirtschaftliche Verbesserung eines Einzelnen sei positiv zu bewerten, solange Andere dadurch nicht schlechter gestellt würden (Gewinn ohne Verluste).
Die Anwendung dieser beiden Kriterien (letzteres von Pareto) ist außerdem wegen der erforderlichen sorgfältigen Auswahl und Gewichtung der in diese Kriterien eingehenden Daten gar nicht so einfach. Insbesondere muß bei absoluter, aber unterschiedlicher Verbesserung der wirtschaftlichen Situation aller einzelnen Marktteilnehmer deren relative Repositionierung im Wettbewerb untereinander bewertet werden.
Die Anwendung des Pareto-Kriteriums ist aber eigentlich sowenig nötig wie das Leugnen der Tatsache, daß mit steigender Macht eines Menschen die Macht der anderen relativ sinkt. Dieser Kampf ist zumutbar, wenn wir weit genug von den Schmerzgrenzen der Ungleichverteilung entfernt bleiben. Dazu (und um die Schmerzgrenzen abstecken zu können) müssen wir die Ungleichverteilung jedoch auch beobachten. Die Verbreitung des Glaubens an "Gewinn ohne Verluste" dient Gewinnern nur dazu, sich opferbereite Verlierer heranzuziehen und zu erhalten.
Sind Gewinner ohne Opfer überhaupt möglich? Das Pareto-Kriterium hilft wenig bei der Beantwortung dieser Frage, denn es ist ohne Entropie-Bilanz nutzlos. Win-Win-Szenarien (bzw. Paretos Win-NoLose-Szenario) entpuppen sich bei genauerem Hinsehen nicht selten als Win-Win-Lose-Szenarien (bzw. Win-NoLose-Lose-Szenarien): Wenn zwei Spieler ohne Verluste interagieren, dann ist eben ein Dritter der Dumme. In abgeschlossenen Systemen nimmt die Summe der Entropien niemals ab, es gibt dort darum immer einen die Entropie absorbierenden Verlierer. Jede Verteilung (die auch immer eine Umverteilung ist) erhöht darin die Entropie. (Die thermodynamische Begründung der Erbsünde ist Gottes Scherz mit allem Lebewesen.) Schnell verweisen wir deswegen auf die Offenheit unseres Systems. Wie sehr das weiterhilft, ist letztendlich ein Frage der Wahl der System- bzw. Verantwortungsgrenzen.
(2003)
Nullsummenspiele sind ein Sonderfall der Konstantsummenspiele. Beim Wettbewerb zwischen Lebewesen, also beim Spiel um Lebenskraft (siehe Redundanz) gilt: Hat ein Konstantsummenspiel als System eine positive Summe der Gewinne aller Spieler, dann muss dieses Spiel ein offenes System sein. Das bedeutet, dass dessen Umwelt dann gefragt oder ungefragt mitspielen muss.
(2004-06-07)
--- Wirtschaftswachstum ---
Wirtschaftswachstum, wie wir es heute kennen, ist eine in der Menschheitsgeschichte relativ kurzes Phänomen.
Weltweite jährliche Wachstumsrate:
- bis 1500: unter 0.08%
- 1500-1750: 0.08%
- 1750-1850: 0.17%
- 1850-1950: 0.88%
- 1950-1990: 2.20%
(C.I.Jones (2002), computed from Lucas(1998) & Maddison (1995))
Entsprechend gilt das für das Fehlen einer Geschichte der wachstumsbasierte Wirtschaft.
Wir leben im Ausnahmezustand und setzen ihn als Standard.
(2004-06-05)
--- Wachstumsverlauf ---
Ein möglicher Verlauf des Resourcenkonsums ist hier abgebildet (blau). Das könnte illustrieren, wieso unsere Gegenwart in dem beschränkt offenen System, in dem wir Menschen leben, ein Ausnahmezustand in der Menschheitsgeschichte ist. Der Verlauf des Konsums durch Menschen wird in der Grafik mit Hilfe eines hyperbolischen Tangens angenähert. Der Wachstumsverlauf (rot) ist die erste Ableitung dieser Funktion.
Hoffnung besteht, das auch geringes Wachstum, das aber auf hohem Niveau stattfindet, den Menschen zu einer ertäglichen Lebensqualität verhilft. Das gewichtete Wachstum (orange, Produkt aus Wachstum und Konsum) macht diese Hoffnung jedoch zunichte - wenn Wachstum tatsächlich eine Vorraussetzung für Hoffnung sein sollte. Hoffnung besteht also nur, wenn Wachstum seine Bedeutung verlieren darf.
Die Kurven sind zwischen 0 und 1 normiert. Es geht hier ja nur um ein grobes Verständnis möglicher Wachstumsverläufe. In der Wirklichkeit werden aber die Lebensverhältnisse für die Menschen mit einem auf hohem Niveu gesättigten Konsum durch knappheitsbedingten Kampf gekennzeichnet sein. Darum ist ohnehin nicht mit einem kontinuierlichen Verlauf der Kurven zu rechnen. Krieg und Terrorismus würden sich dann als Unstetigkeiten im Kurvenverlauf zeigen.
(2006-08-21)
--- Motor des Wirtschaftswachstums ---
"Wir haben kein verzweifeltes Bedürfnis zu wachsen,
wir haben einen verzweifeltes Verlangen zu wachsen." (Milton Friedman)
Angesichts deutlich werdender materieller Grenzen soll Hoffnung geben, dass Innovation Motor des Wachstums sei.
Könnte es eben wieder einmal andersherum sein?
Unser Wachstumsstreben wäre dann der Motor der Innovation.
Wie antworten wir auf behauptete Grenzen des Wachstums?
Wie könnte Wachstumsstreben in uns eingebaut worden sein?
(2004-06-05)
--- Materie und Geist ---
Es gilt, solange es Raum und Gelegenheit zu Leben gibt:
"Leben agiert als ein katalytisches Agens, das hilft, instabiles Equilibrium zu zerstören."
(L.Brillouin: Life, Thermodynamics and Cybernetics, 1949)
Wir erahnen die physikalischen Grenzen und hoffen auf Wachstum im Geistigen.
Technisch ist diese Richtung für den Transport des Geistigen durchaus beobachtbar:
Wir schaffen immer mehr Bandbreite pro für Informationsübertragung verwendete Energieumwandlung und Infrastruktur.
Und dann?
Auch hier gilt die grundlegend wichtige Frage: Ist denn dieses Wachstum der "Vergeistigung" Ziel oder Folge?
Wie und unter welchen Bedingungen ist aber "Geist" entstanden?
Im Grunde sind unsere Wachstumshoffnungen hinsichtlich des Wachsens des Geistigen in einer
Umwelt steigender materielle Knappheit (an Quellen für unverbrauchte und Senken für
verbrauchte Resourcen) religiös begründet.
Religion als Bestrebung zur Wiederherstellung des Bezugs zu unseren Ursprüngen verfängt sich aber immer wieder
in allzu wunschbasierten Antworten zur Befriedung kognitiver Dissonanz.
Unsere Wüsche sind doch so stark. Schmerzen andere Antworten zu sehr?
Das diesen Absatz einleitenden Zitat kann als Beispiel zu einer möglichen Antwort führen:
Kein Leben ohne Geist. So ist dann Geist (als Steuerung des Lebens) nur Agens in Ausgleichsprozessen, ein Nebenprodukt.
Wir leben in einer Umgebung, die sich in einem instabilen Equilibrium befindet,
aber in einem Maß, das den Aufbau dynamischer Strukturen in einer Komplexität ermöglicht,
die diese Strukturen befähigt, in gewissen Grenzen zurück und voraus zu denken.
Ist das eine mögliche Erklärung für das Werden des Geistes unter den vom
Zustand der Materie gegebenen Bedingungen?
Wäre die Instabilität unserer Umwelt zu stark, dann geschähe der Ausgleich auch,
aber sehr heftig und ohne die komplexen
Strukturen, die Leben und den mit ihm verbundenen Geist kennzeichnen. Diese wilde Situation bestand in der Vergangenheit
anfänglich für das ganze Universum. An dessen Ende wird es andererseits insgesamt sehr langweilig zugehen.
Dazwischen bleibt Gelegenheit für moderat instabile Raumblasen, und damit Gelegenheit zur Bildung materiell
zarter und verletzlicher, aber geistig starker und kreativer Strukturen. Menschen sind solche Strukturen.
(2004-06-08)
--- Wachstumsmöglichkeiten ---
Wie sähe Wachstum im Geistigen aus?
Dort, wo die geringste Nutzung materieller Resourcen für Information stattfindet, werden wir am stärksten wachsen können. Darum sind Dienstleistungen und die Produktion effizienter machende Informationsverarbeitung nur die halbe Lösung, wenn sie letztendlich doch wieder zu Material- und Energieumsatz führen. Für die Deckung der physischen Grundbedürfnisse können wir auf "Versicherungsdenken als menschliche Kulturleistung" zurückgreifen. (Ausgerechnet die Bestversicherten mögen heute Versicherungsdenken an wenigsten - wenn es das Denken der Anderen ist.) Ist das getan, dann bleibt als von materiellen Resourcen sehr weit abtrennbares und fruchtbares Wachstumsfeld ohne Versicherung die Kunst um der Kunst willen. Katastrophen können den Traum immer noch beenden, aber wenigstens währe der Mensch dann nicht mehr seine eigene Katastrophe. Das passt wohl nicht so recht zur protestantischen Arbeitsethik. Was wir brauchen, ist Wachstum der Lebensfreude.
(2004-06-13)
--- Neues Land ---
Was geschähe, wenn keine Länder und Rohstoffe mehr zu erobern wären und wir Wachstum zunehmend auf Ideen beschränkt sähen?
Dann zöge zunehmend das Patentrecht die Zäune. Dann würde Kreativität kolonialisiert, das Leben patentierbar, und es würde geschehen, was heute geschieht.
(2004-11-12)
--- Glück und Unzufriedenheit ---
Die Kreativität der Menschen beschleunigt die Evolution mit einer Revolution,
die sich von jenen Revolutionen unterscheidet, die gewissermaßen völlig absichtslos und naturereignishaft der Evolution neue Wege wiesen
und weisen werden.
(Absichtslose Nebeneffekte unseres Wirkens bleiben, so dass wir trotz Allem immer noch auch als gedankenloses Naturereignis in der Welt auftreten.
Aber vielleicht sind das ja keine Nebeneffekte.)
Die Steuerungsgröße für unsere Kreativität und die daraus resultierenden Innovationen ist jedoch Leid:
Unser ständiges Bestreben ist, soviel Abstand zum Leid wie irgend möglich zu gewinnen.
Wenn uns das gelingt dann sind wir sind glücklich.
Das Glück verlieren wir nicht nur durch einen sich wieder verkleineren Abstand:
Auch wenn der Abstand erhalten bleibt, verlieren wir es durch die Gewöhnung an ihn.
Letzlich gewöhnen wir uns also an die Unzufriedenheit und müssen darum ständig weiterwachsen.
(Das mag in uns eingebaut sein. Aber eingebaut wurde mit der Zeit in uns auch, dass wir diese natürlichen Einbauten überwinden könnten.
Wir müssen die Natur ja nicht nur dort überwinden, wo Alle verlieren.)
(2004-06-07)
--- Nutzen der Nutzlosigkeit ---
Mögliche praktische Anwendungen (Naseputzen usw.) eines
Schlipses sind ein
Angriff auf seine Aufgabe, denn
heute - im Zeitalter des Nach-Aufklärung - besteht der eigentliche
Nutzen der Krawatte in
ihrer Nutzlosigkeit: Das auf dem Körper
installierte
Signal symbolisiert dem Gegenüber, dass man zu irrationalem Verhalten bereit sei,
also auch irrationales Verhalten des Gegenübers tolerieren und Widersprüche nicht
mit Fragen belästigen werde.
Schlipse zeigen also an, wann und wo Bereitschaft zur Irrationalität erwartet wird.
(Warnung vor unbekömmlichen Missverständnissen: Unbeschlipste Alpha-Männchen in Schlipszonen signalisieren oft
nicht Lockerheit, sondern ihre Macht, Rationalität bzw. Irrationalität bestimmen zu können.)
Im Geschäftsleben und in der Politik sind Schlipse besonders häufig anzutreffen, mit
dem Hinweis, dass natürlich niemand gezwungen werde, einen Schlips zu tragen - was uns sogleich zum nächsten Absatz führt.
(2004-06-11)
--- Modell des freien Willens ---
"Das Gefühl des freien Willens ist vom Gehirn produzierte subjektive Wirklichkeit",
berichtete heute Prof. Georg W. Kreuzberg (München) aus den Neurowissenschaften und kognitiven Wissenschaften
in einem Leserbrief an die SZ.
Und mit dieser subjektiven Wirklichkeit sei der Mensch erfolgreich.
Das ist keine Überraschung.
Die Menschen vollziehen das Verhalten von in der Natur sich ereignender Prozesse
in ganz anderer Weise nach, als es in der Natur tatsächlich geschieht. Stellen sie Regen fest, regnet es ja nicht auch noch innerhalb des Kopfes. Wir schaffen dabei Bilder (im Kopf oder im Computer) der Wirklichkeit.
Diese Bilder sind mehr oder weniger gute Annäherungen an die Wirklichkeit.
Original und Bild sind unterschiedlich. Aber es geht oft nicht um die Wirklichkeit, sondern um das Verhalten der Wirklichkeit.
Oder: Es geht nicht um Tatsachen, sondern um die Bedeutung von Tatsachen angesichts ihrer möglichen Auswirkungen.
Wenn das Verhalten des in der subjektiven Wirklichkeit
geschaffenen Modells hilft, das Verhalten der Wirklichkeit befriedigend vorhersagen zu können,
dann ist das Modell gewissermaßen so gut wie die Wirklichkeit.
(Und auch Tiere können Erwartungen zeigen - also Resultate von im Gehirn produzierten Vorstellungen.)
Die Vorstellung des "freien Willens" hat die Evolution des Menschen gut überlebt.
Wir können sagen: Diese Vorstellung ist ein Modellbaustein, der bisher gut getestet wurde.
Und im Laufe der evolutionären Entwicklung wurden unsere Modellbausteine
(Wille, Seele, Materie, Geist, Teufel, Gott, ich usw.) ja nicht nur getestet, sondern durch Selektion angepasst.
Das bedeutet nur, dass diese Vorstellungen das Wirken der objektiven Wirklichkeit überlebten, nicht jedoch, dass sie objektive Wirklichkeit sind.
Das Überleben der Vorstellungen in der Vergangenheit bietet auch keine Garantie für ihr Überleben in der Zukunft.
Die Lernzeit für unsere evolutionäre Modellanpassungen dauert angesichts unserer Langlebigkeit recht lange. Reicht das heute
angesichts der Handlungsmöglichkeiten des durch seine Erfindungen um ein Vielfaches von ursprünglicher
Kraft und Geschwindigkeit verstärkten Menschen? Wenn unsere Modelle nun versagen, dann geschähe diese
Bewertung als Versagen nur aus menschlicher Sicht, also
basierend auf den in der subjektiven Wirklichkeit wirkenden Werten, die die Modellelemente in unserem Gehirn miteinander verbinden.
Das Versagen fände dann eben auch nur in der subjektiven Wirklichkeit statt - bis die Gehirne fehlen, die dieser Wirklichkeit Raum geben.
Beruhigt das?
Auch Schmerz ist vom Gehirn produzierte subjektive Wirklichkeit.
(2004-06-07)
"Die Daumenschraube eines jeden finden: Dies ist die Kunst, den Willen Anderer in Bewegung zu setzen.
Es gehört mehr Geschick als Festigkeit dazu. Man muss wissen, wo einem Jeden beizukommen sei. Es gibt keinen Willen, der nicht einen eigentümlichen Hang hätte, welcher, nach der Mannigfaltigkeit des Geschmacks, verschieden ist. Alle sind Götzendiener, Einige der Ehre, Andere des Interesses, die meisten des Vergnügens. Der Kunstgriff besteht darin, dass man diesen Götzen eines Jeden kenne, um mittels desselben ihn zu bestimmen. Weiß man, welches für jeden der wirksame Anstoß sei, so ist es, als hätte man den Schlüssel zu seinem Willen. Man muß nun auf die allererste Springfeder oder das primum mobile in ihm zurückgehen, welches aber nicht etwa das Höchste seiner Natur, sondern meistens das Niedrigste ist: denn es gibt mehr schlecht- als wohlgeordnete Gemüter in dieser Welt. Jetzt muss man zuvörderst sein Gemüt bearbeiten, denn ihm durch ein Wort den Anstoß geben, endlich mit seiner Lieblingsneigung den Hauptangriff machen; so wird unfehlbar sein freier Wille schachmatt." (Balthasar Grácian: Handorakel und Kunst der Weltklugheit, 1647, Übersetzung: Arthur Schopenhauer)
(2005-04-16)
--- Metaspiele ---
Hephästs Medienprojekt ist in vollem Schwung:
"Wettbewerb ist solidarischer als Teilen," lässt die Zeitung den Wirtschaftsethikprofessor und Wirtschaftsethiker meinen (Interview mit Karl Homan, SZ 2004-06-10, S.26).
Seine Rahmenbedingungen sind die der "modernen Marktwirtschaft". Die Verkürzung der Überschrift über dem Interview und der Glaube, dass die Bedingungen (zumindestens irgendwann einmal) global gälten,
lassen uns nun wieder erleichtert an die Arbeit gehen.
Allerdings, wo zwischen Kooperation und Konkurrenz der augenblicklich richtige Platz ist, kann immer nur situationsabhängig gesagt werden. Einmal "sitzen wir doch alle zusammen in einem Boot", dann wieder ist es Sozialneid, wenn die Kapitäne leckgeschlagener Industrieschiffe sich zuerst vom gemeinsam geteilten Seelenverkäufer auf Luxusjachten verflüchtigen und dann von den zurückgebliebenen Kleinmütigen dafür bemäkelt werden. Die Spielregeln werden hingebastelt gerade wie es passt.
Denn es ist so: Der immer wieder entscheidende Dauerkampf geht um die Positionen, in denen die Spielregeln bestimmt werden.
Wichtig dabei ist Agendasetting. Das ist Spielen auf einer höheren Ebene, das Spielen um die Spielregeln, die Grenzen des Spielfeldes und die Wertung der Werte.
So kommen auch die Regeln des "freien Marktes", zusammen mit seinen Werten und Bewertungsprozessen zustande, auf die sich ihre Hüter so berufen, als hätten Götter sie als Naturgesetze geschaffen.
(Endlos ist eine Debatte um Managergehälter, in der das nicht begriffen wird.)
Die Regeln des Marktes gelten nur für die, die darin spielen und das Spiel, das darüber läuft, nicht bemerken.
Darum muss bei Äußerungen zum Thema wirklich immer und immer wieder genau hingesehen und analysiert werden.
Die Werkzeuge dafür liefert uns die Spieltheorie.
Dazu gibt es gute Literatur, die meinen amateurhaften Darstellungen überlegen ist.
Zu den Metaspielen, also den Spielen um die Spielregeln, die unsere verzwicktesten und wichtigsten Spiele sind, finde ich diese Fülle an Lesestoff leider nicht. Hier eines der raren Stücke:
"... 'Metaspiele' im Verhältnis zu den Routinespielen: In ersteren werden die Regeln, Einsätze und
Gewinnmöglichkeiten der letzteren neu definiert, und genau deshalb sind erstere oft besonders umkämpft.
Es geht in ihnen eben immer auch um zukünftige Ausgangspositionen und Stellungen, und
die Entscheidungen um die gegenwärtige Sache fallen stets mit Blick auf diese zukänftigen Positionen
im neuen Routinespiel. Im militärischen Jargon, der durchaus nicht selten auch der betriebliche
ist: Innovationsspiele sind Stellungskriege." (Ortmann et al., 1990, 59 (Fundstelle: Marco Zimmer, IÖP Hamburg))
Wir streiten uns doch wirklich nicht nur im vorgegebenen Rahmen von Spielregeln, sondern der Kampf um die Spielregeln selbst ist das eigentliche Spiel der Menschen.
(2004-11-12)
--- Terror ---
Spiele sind nicht harmlos. Wer in einem Spiel keine Chancen hat, sucht sich ein anderes.
Darin wird nicht nur nach anderen Regeln, sondern mit anderen Mitteln gespielt.
Oft sind das Mittel, deren Schöpfer nicht über ihr eigenes Spiel hinaus denken konnten.
Sie waren Spielzeuge in einem Spiel, im nächsten Spiel sind sie Waffen.
Wie kommen wir eigentlich dazu, über den Terrorismus, der noch auf uns zukommt wird, überrascht zu sein?
"Alles ist möglich." Nicht nur mit einem Toyota wird wirklich Vieles mit immer weniger Aufwand möglich sein.
Der Mensch hat sich eine Unmenge anderer Kraftverstärker geschaffen.
Parallel dazu rekrutierten
sich aus den Verlierern im Marktspiel Spieler eines anderen Spiels. Terroristen wechselten aber nicht nur das Spielfeld,
sondern es gelang ihnen bereits, auch die Regeln der "westlichen" Spiele zu verändern.
Bin Laden scheint schon gewonnen zu haben.
(2004-06-26)
--- Gentechnik ---
Vorbemerkung: Sollte ich an Gentechnik sterben, so wird das wohl nicht an manipulierten Genen liegen, sondern an meinem Appetit. Ich lebe recht ungesund. Das ist meine Wahl. Aber auch die Wahl, anders zu leben, muss bleiben.
Nun zum Thema: Verstehen wir Gentechnik als die Technik, die zur transgenetischen Manipulation des Erbgutes mit den Mitten der Biochemie und Mikrobiologie eingesetzt wird (also z.B. nicht Züchtung). Dann geht es bei der in der Landwirtschaft eingesetzten Gentechnik
- vielleicht um biologische und pathologische Gefährdungen,
- mit Sicherheit um rechtliche und marktwirtschaftliche Gefährdungen.
Interessanterweise konzentriert sich die Diskussion in erste Linie auf das "vielleicht".
Hier wirkt tatsächlich der Populismus, den die "Gen-Industrie" immer wieder beklagt.
Sie weint seinetwegen aber nur Krokodilstränen,
denn das Angst-Thema dient recht wirkungsvoll zur Ablenkung von der nicht abstreitbaren und realen Gefährdung jener Urheberrechte, die der Allgemeinheit gehören oder einmal gehört haben werden.
Die Sorge um verdorbene Mägen verdrängt die Sorge um verdorbene Märkte.
So dem Interesse der Öffentlichkeit am eigentlichen Spielziel entzogen, wird im Markt um neue Spielregeln für eines der ältesten Spielfelder des landwirtschaftenden Menschen gekämft.
Gentechnik ist eben auch ein Metaspiel: Der erhoffte Gewinn besteht im Erringen neuer Regeln, mit denen dann auf unterer Spielebene (der Ebene der materiellen Verluste und Gewinne) mehr Geld gewonnen werden kann. Die Regeln sind die
- des Patentrechtes (mit dem sich Urheberrechte an Pflanzen aus dem Gemeinschaftsbesitz herauslösen und privatisieren lassen) und
- des Marketings (für Abhängigkeit erzeugende "Systemlösungen" und Produktpakete).
Es werde bald so sein, meint Prof. Gerhard Wenzel (SZ 2004-06-19), "dass der Lebensmittelhandel nur schwer Rohstoffe bekommt, die frei von transgenen Sunstanzen sind. Das ist ein Faktum." Als dieses Faktum noch nicht so offensichtlich geschaffen war, wurde als Bedenkenträger verlacht, wer das Eintreten dieses Faktums befürchtete. Der Trick funktioniert doch immer wieder.
Warum freut sich der Ausbilder von Landwirtschafts-Studenten nicht über eine neue Aufgabe und Chance im Markt? Der Bedarf an "Öko"-Lebensmitteln ist hoch, das Angebot an Grundstoffen dazu wird begrenzt sein. Das ist doch die beste Wachstums-Gelegenheit für Landwirte und eine vorausschauende Landwirtschaftspolitik. Aber es geht wohl nicht um freie Landwirte und Verbraucher: die Oligopolisierung der Landwirtschaft durch die Gen-Industrie und ihre Investoren funktioniert nur, wenn Landwirte und Verbraucher keine wirkliche Wahl mehr haben, die Gewalt des geschaffenen "Faktums" also wirkt. So wird versucht, eine freie Marktwirtschaft mit verdrehten Argumenten der Marktwirtschaftler und mit dem frei fliegenden Pollen als Verbündeten zu zerstören.
Das erklärt, wieso Industrien, deren Vertreter Eigenverantwortung nie hoch genug preisen können, sich dagegen wehren, für die unerwünschte Verbreitung genmanipulierter Pflanzen verantwortlich gemacht zu werden. Dass das alles möglich ist, hat uralte Gründe: Die Ehe von Dummheit und Gier.
(2004-07-05)
--- Seelenwanderung ---
Gibt es eine Seele? Ist sie "Ich"? Gibt es mit ihr ein Leben nach dem Tod?
Manche Fragen entstehen erst, wenn die ihnen zugrundeliegenden Konzepte und Modelle überfordert werden.
Und viele Antworten entstehen in Rückkopplung mit den Konsequenzen, die sich aus ihnen ergeben.
Das gilt besonders für die Fragen nach der Seele, nach dem "Ich" und nach deren Weiterleben: Diese Fragen nach dem Tod bestimmen,
- wie wir selbst leben und
- wie wir Andere leben lassen.
Sie stehen darum im Zusammenhang mit einer anderen Frage, die Politik und Religion logisch verbindet: Wann wird abgerechnet?
(2005-01-29)
--- Seelenwerdung ---
Spräche ein Mensch von sich in der dritten Person, so mag das ein Hinweis auf "Autismus" sein.
Sprächen Viele von sich aus einem Menschen, so mag das ein Hinweis auf eine "multiple Persönlichkeit" (Multiple Personality Disorder, MPD) sein.
Spräche ein Mensch von sich als von einer einzigen Person mit einem einzigen "Ich", so fiele das nicht sonderlich auf.
Wir sollten aufmerksamer sein, wenn es um das geht, was wir mit "Ich" adressieren. Wenn Seelen Information sind, dann wandern sie nicht in werdende Menschen ein und aus sterbenden Menschen aus,
sondern sie entstünden mehr oder weniger und vergingen mehr oder weniger.
(2005-01-29)
--- Freundliche Rechtschreibung ---
Die Deutschen sind freundlicher als sie denken: Mit Groß- und Kleinschreibung geben sie nur dem Leser zusätzliche Hinweise auf die Funktion von Worten. Und gleichklingendes Unterschiedliches wird in schriftlicher Darstellung unabhägiger vom Sinnzusammenhang unterscheidbarer. Lesbar und hörbar verpassen die Deutschen den Dingen der Welt gleich drei Geschlechter, obwohl es auch ganz ohne ging, wie in China. Und außerdem werden Worten lesbar und hörbar weitere überflüssige Zusatzinformationen dadurch verpasst, dass man sie zum Beispiel unregelmäßig dekliniert. Es ginge doch "logisch" viel einfacher! Warum machen wir es uns so schwer?
Es gibt viele Gründe für Unregelmäßigkeiten und Sonderregelungen, die nicht unbedingt "nötig" zu sein scheinen und darum bei Rechtschreibreformen leicht auf die Opferliste rutschen können. Ein Grund mag Komfort beim Aussprechen sein, damit man sich die Zunge nicht bricht. Ein wichtiger Grund ist auch Freundlichkeit: Wir versehen unsere Nachricht an den Leser mit zusätzlicher Information, die eigentlich überflüssig ist, dem Leser aber hilft, die Nachricht schneller und fehlerfreier zu dekodieren. Schrieben wir unsere Nachrichten wirklich ohne jeglichen Überfluss, so würden sie selbst durch kleinste Fehler nicht nur leicht geschädigt, sondern sie würden völlig zerstört. Die scheinbar unlogischen Sonderregeln und Ausnahmen unserer Sprache machen sie sicherer lesbar. Auch hier ist Überfluss der Abstand zwischen der maximal möglichen Entropie der Nachrichtenkodierung und der freundliche niedrigeren Entropie der Nachrichtenkodierung.
Freundliche Rechtschreibung ist immer auch etwas anstrengendere Rechtschreibung. Die aber hilft bei der Rechtlesung. Vereinfachung hier ist oft nur Verkomplizierung dort. Darum bin ich kein Freund von stark vereinfachenden Rechtschreibreformen - obwohl ich ja offensichtlich weder die alte noch die neue Rechtschreibung perfekt beherrsche.
(2005-01-30)
--- Chinesische Weisheiten ---
"Wer nicht fliegen kann, soll wenigstens aufrecht stehen."
(Cui Jian, Beijing 2000-10-15)
zweiter Teil
--- Geld ---
Die Sendepause nutzte ich zum Luhmann lesen. Als Jurist hatte er vorsichtshalber die Finger von der Rechnerei gelassen, da bleibt also noch Raum zum Weiterdenken: Geld ist das Kommunikationsmedium der Wirtschaft. Fein. (Was uns Schmerzen bereiten kann, aber mit Geld nicht so gut kommuniziert werden kann, ist somit von dem Spielfeld der Wirtschaft verbannt. Pech. Aber das ist durchaus veränderbar, und zwar gemeinerweise sogar mit den Mitteln des Systems.)
Das Neue an Folgendem ist nicht, das es neu ist, sondern das es nicht allgemein entdeckt ist: Geld kommuniziert Wert in ungefähr linearer Quantifizierung. Der Auffwand zum Umgang mit dieser Wertekommunikation ist dagegen nur ungefähr proportional zum Logarithmus des kommunizierten Wertes. (Mit dem Logarithmus berechnen wir die Anzahl der Stellen, die wir zum Schreiben einer Zahl brauchen. So einfach ist das.) Das ist natürlich kein Allgemeinwissen, aber Banker, die sich für den Umgang mit Geld proportional zum Wert bezahlen lassen (anstatt proportional zum Aufwand), nutzen das und verdienen sehr gut damit. Damit das niemand merkt (sie selbst auch nicht), achten sie auf den Cent. (Proportionale Anrechnungen von Zinsen und von Versicherungskosten sind dagegen ehrlich.)
( 2005-12-25)
--- Arbeit ---
Unsere Wirtschaft ist so angelegt, das menschliche Arbeit das ist, was aus der Verlustwärme der Verteilungsprozesse bezahlt wird. Darum müssen wir um so mehr herumwuseln, desto effektiver wir arbeiten. Wir leben wie die Ratten vom Abfall und wollen ihn sogar noch einsparen. Immerhin wundern wir uns aber gelegentlich schon darüber. Was verbietet uns, Zukunftsvisionen einmal ernst zu nehmen? Man könnt zu Beispiel erlauben, die 9-Stunden-Woche der Jetsons nicht für einen lächerlichen Traum zu halten, sondern darin einen Fortschritt zu sehen. Selbst wenn das heute illusorisch wäre, dann ist deswegen Aufgeben noch lange nicht "realistisch".
( 2005-12-25)
--- Offene und geschlossene Systeme ---
In seinen von Dirk Baecker herausgegebenen Vorlesungen zur "Einführung in die Systemtheorie" kämpft Niklas Luhmann mit der Entropie. Es ist aber so: Auch in geschlossenen Systemen kann lokal eine Entropie sinken, nur die Summe aller Entropien in einem geschlossenen System kann niemals abnehmen. Das lokale und temporäre Sinken einer Entropie ist eine Fluktuation. Sie kann Sekundenbruchteile dauern und es zumindestens den kurzwelligeren Teilen des Sonnenlichts erlauben, sich daran zu reflektieren. Das passiert so oft, dass der Himmel ganz blau davon wird. Oder sie kann viele Jahrzehnte anhalten. Du bist eine solche Fluktuation. Sie kann aber auch Millionen von Jahren anhalten, so wie die einigermaßen freundliche Raumblase, in der sich die Erde mit dem ganzen Gewusel darauf entwickeln konnte.
In einer Physik, in der Temperatur durch Energie ausgedrückt wird, wäre Entropie eine dimensionslose Zahl. Man kann sie in verschiedenen Kategorien mehr oder minder sinnvoll einsetzen. Ein operativ geschlossenes System ist in der Kategorie "Operationen" geschlossen, aber sobald es durch irgendetwas außerhalb seiner Systemgrenzen irgendwie beeinflussbar ist, muss es hinsichtlich mindestens irgendeiner anderen Kategorie offen sein und in dieser Kategorie Entropie exportieren oder importieren können. Ein mit seiner Umwelt durch strukturelle Kopplung verbundenes System ist darum sowohl ein selektiv offenes wie auch ein selektiv geschlossenes System. Der Selektor kann auch Zeit sein: Schnelle Entropieänderungen kommen nicht durch, langsame kommen durch - oder umgekehrt. Oder das System ist eine Zeit lang geschlossen, öffnet sich kurz (aufgeknackt unter externem Zwang) und schließt sich dann wieder so lange, biss die Leute wieder meinen, das System sei immer geschlossen. Wenn die Leute zu blöd sind, bei Umweltveränderungen ihr Verhalten zu ändern, dann ist ihr Verhalten ein operativ geschlossenes System. Operative Geschlossenheit muss man sich leisten können. Sie kann eine Zeit lang möglich sein, wird vielleicht beim Erreichen von kritischen Schwellwerten aufgebrochen, verändert und schließt sich wieder. Die Wirtschaft ist solch ein immer wieder aufgebrochenes operativ geschlossenes System. Und das ist gut so.
Luhmann sieht geschlossene Systeme als "entropisch" und offene Systeme als "negentropisch". Es ist aber so, dass offene Systeme nur die Möglichkeit haben, Entropie exportieren zu können und so gesund zu bleiben. Offene Systeme sind prinzipiell aber auch verletzbar. Sie können anderen offenen Systemen als Entropiesenke dienen und müssen dann Entropie schlucken. Darum fordern besonders solche offenen Systeme, die viel Müll loswerden wollen, eine offene Kommunikation. Weil Dich aber niemand gezwungen hat, diesen Text bis hierher zu lesen, wird er Dir schon irgendetwas gebracht haben.
(2007-10-03)